| Buchbesprechung: Joachim Bauer, Das kooperative Gen |
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Abschied vom Darwinismus. (Hoffmann und Campe, 2008)
Nach dem Medizinstudium arbeitete er in der molekular- und neurobiologischen Forschung in New York und habilitierte in Innerer Medizin und Psychiatrie. Für seine Forschungsarbeiten erhielt er 1996 den renommierten Organon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie. Gleich im ersten Kapitel zeigt Bauer sein Hauptanliegen, er möchte die in den USA teilweise fanatisch verteidigte Soziobiologie, die Idee vom „egoistischen Gen“ (Dawkins 1976), widerlegen. Sie geht zurück auf Darwins These über das Prinzip der Artenselektion, dass nur die maximale Fortpflanzung einer Art entscheidet, ob sie im Kampf um das Überleben gewinnt. Darum beschäftigt sich Bauer mit den Aussagen von Darwin. Darwin vertrat die Theorie, dass die verschiedenen Arten die Folge von Anpassungen an den Lebensraum ("Survival of the Fittest") sind und sich somit auseinanentwickelt haben. Katastrophale Konsequenzen hatte Darwins Aussage „Wie jedes andere Tier, so ist auch der Mensch ohne Zweifel auf seinen gegenwärtigen hohen Zustand durch einen Kampf um die Existenz in Folge seiner rapiden Vervielfältigung gelangt. Und wenn er noch höher fortschreiten soll, so muss er einem heftigen Kampfe ausgesetzt bleiben“ (Die Abstammung des Menschen, 1871). Richard Weikart beschreibt den Zusammenhang dieser Aussage mit dem Wahn der überlegenen Rasse („From Darwin to Hitler“, 2004). Bauer fordert aufgrund seiner Forschungen eine Revolution biologischen Denkens: Genom und Zelle bilden ein kreatives System. Den Anfang des Lebens bildete die Kooperation zweier Sorten von Biomolekülen: Ribonukleinsäuren (RNS) und Proteine (Eiweiße). Das Erkennen und Übermitteln von Information befähigte sie zur Speicheund Synthese von Aminosäuren. Die Gene des Menschen unterliegen einer ständigen Regulation ihrer Aktivität. Das gilt vor allem für die Gene der Kreislauf-, Blutzucker-, Hormon- und Stressregulation. Beinahe alles, was das Immunsystem zur Infekt- und Krebsabwehr leistet, hängt nicht vom „Text“, sondern der Regulation der Gene ab. Gene sind kommunikative Moleküle, das Genom ist befähigt, äußere Signale wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Bauer erklärt verständlich, welche Konsequenzen sich daraus für körperliche und seelische Erkrankungen ergeben. Das Buch beschäftigt sich auch mit dem Entstehen und Sterben von Arten in der Geschichte und widerlegt dabei Darwin, der das mit seiner Theorie des Kampfes der Arten untereinander um das Überleben erklärte. Nach Bauer entstehen neue Arten als Reaktion biologischer Systeme auf Umweltstressoren durch genomische Selbstveränderungen. Dabei entstehen weit mehr überlebensfähige Varianten als vom Selektionsdruck erklärt werden könnte. Der britische Zoologe Richard Dawkins veröffentlichte 1976 seine "Idee von »egoistischen Genen«, sein Bild von Tieren wie auch vom Menschen als - so wörtlich - »Überlebensmaschinen« zur optimalen und maximalen Verbreitung der sie steuernden Gene." Leider beeinflusst trotz aller gegenteiligen Argumente diese Idee einen Teil der Wissenschaft vor allem in Amerika, so als ob sie als selbsterfüllende Prophezeiung wirklich einen Teil der Wissenschaftler zu Egoisten mit egoistischen Genen geformt hätte. Konrad Lorenz führte in seinem Buch "Das sogenannte Böse" den Aggressionstrieb (oder Kampftrieb) als »primären Instinkt« in die Biologie des Menschen ein. „Obwohl die von ihm angeführten Tierbeispiele allesamt (!) reaktive, das heißt im Dienste der Verteidigung von Revier oder Bindung stehende Aggressionsmodi illustrieren, definiert Lorenz sie in seinem Buch als Nachweise für primäre »Angriffslust«." Auch Lorenz hat hartnäckige Anhänger, die seine Ideen nicht überdenken und aufgeben wollen. „Der »Aggressionstrieb« nach SigmundFreud erklärt die Gewalt zur unverrückbaren Konstante der menschlichen Natur. Joachim Bauer entlarvt den Mythos des Aggressionstriebes und liefert mit Schmerzgrenze eine Neukonzeption des Gewaltphänomens, die auf den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Ein Kapitel ist Charles Darwins Leben und seinen Schriften gewidmet, im letzten Kapitel entwirft Bauer eine neue Theorie der Entwicklung des Lebens. „Was lebende Systeme von den Einzelelementen, aus denen sie bestehen, unterscheidet, ist fortwährende molekulare Kooperation und Kommunikation nach innen und nach außen." Richard Weikart bringt Darwins Forderung nach einem heftigem Kampf für die menschliche Höherentwicklung in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus („From Darwin to Hitler“, Palgrave Macmillan Verlag 2004). Andere Autoren finden weitere Zusammenhänge mit Philosophen, die dem materialistischen Weltbild unterlagen wie Marx, Freud und Nietzsche, wie z. B. Guntram Knapp (Der antimetaphysische Mensch. Darwin, Marx, Freud. Klett-Cotta 1988). „Charles Darwin war, ebenso wie Karl Marx und Sigmund Freud (die ihn beide intensiv und zustimmend rezipiert haben), einer der großen Aufklärer unseres wissenschaftlichen Zeitalters. Es fällt auf, dass sowohl Darwin als auch Marx und Freud eine besondere Art von Anhängerschaft hatten. Nicht ohne Ironie ist, dass sich Teile dieser Anhängerschaft – nicht alle – durch ein Verhalten auszeichneten, das zumindest Darwin und Freud abgelehnt hätten, weil sie es eigentlich überwinden wollten: eine unkritische, quasireligiöse, in Teilen sogar sektiererische Glaubenshaltung“ (Bauer S. 18). Im Zeitalter der Quantenphysik sind neue Weltsichten gefragt, die sich von überholten Dogmen (unumstößliche Lehrmeinungen) und Doktrinen (System von Ansichten und Aussagen, oft mit dem Anspruch, allgemeine Gültigkeit zu besitzen) der materialistischen Weltsicht ablösen und auf wissenschaftlicher Grundlage die Orientierung in unserer komplexen Welt erleichtern können. Kommunikation und Kooperation sind laut Bauer die zwei wichtigsten Prinzipien im Kleinen, bei Molekülen, Zellen, Genen, wie schaftlichen Systemen. In den „Umrissen einer neuen Theorie“ stellt er fest: „Lebende Systeme unterliegen zwar den Gesetzen der Physik und der Chemie, ihr Verhalten ist jedoch nicht Folge einer jeweiligen physikalischen oder chemischen Ursache, »die Biologie ist keine zweite Physik« (Ernst Mayr). Das Verhalten lebender Systeme orientiert sich ausschließlich an Signalen, die vom Organismus oder von der Zelle als Zeichen wahrgenommen werden können. Lebende Systeme sind – auf allen Ebenen des Organismus – Kommunikatoren“ (Bauer S. 189). Weitere Bücher von Joachim Bauer sind weniger aus der Perspektive des Biologen (Entstehung des Lebens, Bausteine lebender Organismen und ihr Zusammenwirken) als aus der des Psychotherapeuten geschrieben, sie beschäftigen sich stärker mit dem Menschen als sozialem Wesen. Vielleicht ist auch für Sie etwas dabei. Weitere Buchveröffentlichungen von Joachim Bauer:
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