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Seite 1 von 2 Sigmund Freud vor 70 Jahren gestorben
Autor: Lothar Riedl

Sigmund Freud, der Pionier der Psychoanalyse, hat einen runden Jahrestag. Auch wenn seine Lehre in den IPK-Kursen aus gutem Grund nicht unterrichtet wird, soll er zu diesem Anlass anhand einer Buchvorstellung zu Wort kommen.
- Sigmund Freud wurde am 6.5.1856 in Freiberg (Mähren) geboren.
- 1895: Studien über Hysterie
- 1896: Begriff „Psychoanalyse“ für seine Forschung
- 1902: Rolle der verdrängten Sexualität bei der Entstehung von Neurosen
- 1908 erster psychoanalytischer Kongress in Salzburg, Hotel Bristol (Freud, Jung, Adler)
- 1923 „Das Ich und das Es“
- Am 23.9.1939, vor 70 Jahren, starb Freud 83-jährig im englischen Exil.
Buchvorstellung: Marina Leitner, Ein gut gehütetes Geheimnis
Autor: Lothar Riedl Ein gut gehütetes Geheimnis – die Technik der Psychoanalyse Eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Psychologin Dr. Marina Leitner mit einem Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften untersucht die Geschichte der psychoanalytischen Technik und Therapie. Leitner konnte dabei bisher unveröffentlichtes Material wie Briefwechsel und Rundbriefe des „Geheimen Komitees“ aus Archiven in London, Essex, Wien, Salzburg und New York auswerten.
Leitner stellt fest, dass S. Freud nur wenig über seine Therapietechnik veröffentlichte und sich in der Praxis nicht an seine eigenen Regeln hielt. „Zwischen dem, was Freud über die psychoanalytische Technik schrieb, und seiner tatsächlichen Praxis ergeben sich so zahlreiche Unterschiedlichkeiten, daß einige vielleicht behaupten könnten, in Wirklichkeit habe er überhaupt keine eigentliche Methode besessen, sondern nur ein ad hoc-Verfahren (Leitner 2001, S.16)
Aus den „Psychologischen Mittwochs-Gesellschaften“ von Freud ab 1902 geht 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervor: Alfred Adler, Wilhelm Stekel und andere frühe Schüler versammeln sich jede Woche in seiner Wohnung zur Erlernung der neuen Methode und zur Diskussion. Am ersten Psychoanalytischen Kongress in Salzburg 1908 stellte Freud die Fallgeschichte des „Rattenmanns“ vor, die erste seiner fünf großen Psychobiographien. Am Kongress 1910 in Nürnberg wurde die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet.
Freud strebte die Aufnahme der Psychoanalyse in den Lehrplan der Universitäten an, dazu kam es nicht. Eugen Bleuler, der Leiter der Heilanstalt „Burghölzli“ in Zürich, war 1907 zu einer der Mittwoch-Gesellschaften nach Wien gekommen, damit bestand Kontakt zu einer Universität. Wegen seiner Vorbehalte gegen ein „wissenschaftliches Konventikeltum“ trat er 1911 wieder aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus (Leitner 2001, S.171).
Wie eine Trotzreaktion darauf wirkt die Gründung des „Geheimen Komitees“ 1912 mit Freud, Abraham, Eitington, Ferenczi, Jones, Rank und Sachs. Das Komitee sollte die Reinheit der Lehre hüten und Machtzentrale der IPV werden. (Leitner 2001, S.228). Zulassungen als Psychoanalytiker wurden an eine Ausbildung mit Fremdanalyse und damit an die Zustimmung Freuds gebunden.
Die Abkehr vom offenen wissenschaftlichen Austausch wurde mit den Psychoanalytischen Vereinigungen und besonders mit dem Geheimen Komitee vollzogen. Die Ausbildung wird bis heute in solchen Vereinigungen durchgeführt. Wissenschaftliche Forschung ist dafür nicht nötig, sie wird auch in den abgespaltenen Psychotherapieschulen kaum durchgeführt.

Das Umschlagbild des Buchs zeigt Freuds berühmte Couch im Freud-Museum London. Wie kommt Freud zur Couch im therapeutischen Setting? Er entwickelt 1904 die Methode der freien Assoziation. Der Patient solle sich gehen lassen und wie bei einem Gespräch „aus dem Hundertsten in das Tausendste“ geraten. Die Patienten sollen alles sagen, „was ihnen dabei durch den Kopf geht, auch wenn sie meinen, es sei unwichtig oder es gehöre nicht dazu, oder es sei unsinnig“ (Leitner 2001, S.85). Dazu empfiehlt er das Liegen des Patienten auf der Couch. Später schreibt er dazu in einem Brief: „Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich (oder länger) von anderen angestarrt zu werden. Da ich mich während des Zuhörens selbst dem Ablauf meiner unbewußten Gedanken überlasse, will ich nicht, daß meine Mienen dem Patienten Stoff zu Deutungen geben oder ihn in seinen Mitteilungen beeinflussen“ (Leitner 2001, S.264). Wissen wir jetzt, wieso Freud das Setting mit der Couch erfand, warum er seinen Patienten den Blickkontakt verweigerte?
Literatur:
- Leitner, Marina (2001): Ein gut gehütetes Geheimnis: Die Geschichte der psychoanalytischen Behandlungs-Technik von den Anfängen in Wien bis zur Gründung der Berliner Poliklinik im Jahr 1920. Psychosozial-Verlag, Gießen
- Freud, Sigmund (1969): Darstellungen der Psychoanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt
- Petzold, Hilarion (1999): Die Mythen der Psychotherapie. Verlag Junfermann, Paderborn
- Petzold, Hilarion (2001): Wille und Wollen, Psychologische Modelle und Konzepte. Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen
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